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Nachricht vom 04.06.2020    

Klara trotzt Corona, XXXI. Folge

GASTBEITRAG | Mit wöchentlich neuen Episoden möchten Ihnen die Autoren der Limburg-Krimis, Christiane Fuckert und Christoph Kloft, den Leserinnen und Lesern etwas Trost, Unterhaltung und hin und wieder vielleicht sogar ein Lächeln schenken, wenn Sie sehen, wie die schrullige Haushälterin Klara Schrupp und ihr gutmütiger Chef Pfarrer van Kerkhof ihren Alltag bewältigen.

Symbolfoto

Kölbingen. 31. Folge vom 4. Juni
Ganz bewusst hatte sich Klara für diesen Morgen den Wecker nicht gestellt. So ein besonderer Tag sollte keine Zwänge für sie beinhalten. Obwohl sie ungewohnt spät dran war, vernahm sie keine Geräusche, die eigentlich zu dieser Tagesstunde gehörten, zumindest nicht im Haus.

Nachdem sie ihren besten Kittel angezogen und sich ordentlich frisiert hatte, begab sie sich nach unten. Zwar war der Frühstückstisch gedeckt und es duftete nach Kaffee, doch kein Radio lief, kein Pfarrer war zu sehen, nicht einmal Kater Willi kam ihr entgegen. Ah ja, die beiden waren bestimmt hinter der Kirche im Blumenbeet und würden gleich mit einem schönen Strauß zu ihr kommen.

Klara strich ihre Schürze glatt und baute sich im Wohnzimmer bei der Terrassentür auf, spürte selbst, dass sie bis zu den Ohren strahlte.

Nach ein paar Minuten trippelte sie vor Ungeduld auf der Stelle – niemand war zu sehen oder kam durch den Garten auf das Haus zu. Mit zwei großen Schritten war sie bei der Terrassentür und prüfte den Verschluss. Zu, von innen abgeriegelt!

Sie drehte sich auf der Stelle und marschierte ungläubig murmelnd durch den Flur, stieß die Tür zum Büro ihres Chefs auf, um auch dort ein leeres Zimmer vorzufinden. Ganz kurz dachte sie nach und kam zu dem Schluss, dass es dafür nur eine Erklärung gab: Zur Feier des Tages war er über seinen Schatten gesprungen und führte gerade Kater Willi an der Leine spazieren. Im Gegensatz zu den meisten anderen Katzen begann ihr Kleiner bereits aufgeregt zu tänzeln, wenn man das zierliche rote Geschirr schon von der Garderobe nahm. Wie überaus nett vom Herrn Pfarrer! Sie würde jetzt in aller Ruhe frühstücken und sich ausnahmsweise einmal ein Glas von dem erst kürzlich selbstgemachten Himbeergelee öffnen. Dieses auf einer Scheibe Brot mit Sahnequark! 'Törtchen' hatte sie das in ihrer Kindheit genannt, und noch heute rangierte es auf Klaras Liste der Lieblingsspeisen ganz weit oben, folgte gleich nach der Schwarzwälder-Kirschtorte.

Kaum hatte sie die Tür zur Speisekammer geöffnet, fuhr sie zusammen, weil etwas aus dem Innern zwischen ihren Füßen hindurch in die Küche huschte.

„Das kann doch nicht wahr sein! Mein kleiner Willi! Hat der böse Herr Pfarrer dich hier eingesperrt? Er musste wohl wieder naschen und hat in seiner Sucht die Welt um sich herum vergessen!“ Und ihren großen Tag ebenfalls, erkannte Klara mit bitterem Geschmack auf der Zunge. Die Lust auf 'Törtchen' war ihr vergangen. Mit einem Mal war sie nur noch enttäuscht und traurig. „Du musst endlich lernen, an der Tür zu kratzen, wenn du dich bemerkbar machen willst. Ich muss das auch, wenn ich zu meinem Recht gelangen will. Der Mann vergisst sogar meinen fünfundsiebzigsten Geburtstag … Aber wenn er selbst dran ist, erwartet er morgens eine Blaskapelle und einen roten Teppich!“ Klara wischte sich über die Augen, bevor sie den jungen Kater hochnahm und ihr Gesicht in das weiche Fell drückte.

„Warte mal, ich will noch rasch etwas nachsehen.“ Sie stellte das irritierte Tier wieder auf dem Boden ab und eilte zur Haustür, zog diese etwas bei und lief um das Haus herum zur Garage. Es konnte ja sein, dass ihr Chef in die Stadt gefahren war, um etwas Schönes für sie zu besorgen …

Mit Schwung ließ sie das Tor hochschnellen. Beim Anblick des alten Kastenwagens, der sauber geparkt in der Mitte der Garage stand, überkam Klara ein leises Gefühl der Angst. Es war ihm hoffentlich nichts passiert, dem Herrn Pfarrer! „Bitte, heilige Mutter Gottes, lass ihn gleich gesund hier auftauchen“, flehte Klara mit beschleunigtem Herzschlag. Sie drückte sich die Hand auf die Brust und lief zurück zur Haustür. „Oh nein, zugefallen“, stöhnte sie, „auch das noch!“ Wäre ihr Kater jetzt ein großer Hund, könnte sie ihm vielleicht erklären, dass er an der Tür hochspringen und die Klinke drücken solle. Tatsache aber war, dass ihr kleiner Willi jetzt stocksteif im Hausflur stand und sehnsüchtig darauf wartete, dass sich die Tür von selbst öffnete und sein Frauchen zu ihm zurückkehrte.

„Was mach ich denn jetzt?“, fragte sich Klara verzweifelt und überlegte, ob es nicht vielleicht doch einen Ersatzschlüssel hier draußen gab, obwohl sie sich erst vor Kurzem dagegen entschieden hatte.

„Nein, Herr Pfarrer“, hatte sie erwidert, „im Moment haben wir Corona, da sind wir ja immer daheim. Und wenn Sie mal Ihre Gedanken beisammenhalten, vergessen Sie auch den Schlüssel nicht, wenn Sie aus dem Haus gehen. Das ist für Ihren löchrigen Gehirnskasten die beste Übung.“ Klara biss die Zähne zusammen und ärgerte sich über sich selbst. Hoffentlich schaute die von gegenüber nicht gerade zwischen ihren Kakteen hindurch, diesen Triumph gönnte sie der Nachbarin auf keinen Fall. Und so bückte Klara sich über die Pflanzen im Vorgarten und zupfte an den wenigen Unkräutern herum, während sie gleichzeitig auf ein Wunder wartete. Sie hatte doch hoffentlich nichts auf dem Herd? Was für ein armseliger Geburtstag das doch war!

Schon im nächsten Moment brummte sich ein Motor hinter ihr aus. Sie schielte zwischen ihren Beinen hindurch und erkannte, obwohl es auf dem Kopf stand, sogleich den schwarzen Kleintransporter von Herrn Busch aus dem Pfarrgemeinderat. Jetzt wurde der zusammengebrochene Herr Pfarrer heimgebracht …

Klara stellte sich so schnell aufrecht, dass ihr schwindelig wurde. Doch im nächsten Moment sprang van Kerkhof völlig unversehrt aus dem Fahrzeug und reichte ihr die Hand. „Alles Gute zum Geburtstag, liebe Klara!“, sagte er hinter seinem Mundschutz. Er schob sich an ihr vorbei und schloss die Haustür auf. Damit war zumindest die Sache mit dem Schlüssel erledigt, dachte Klara erleichtert, wenngleich ihr diese Gratulation schon recht dürftig erschien. Keine Segenswünsche, kein Dank für ihr ihre Zuverlässigkeit und Fürsorge, keine Wünsche für Gesundheit und all das Schöne.

Dafür rief ihr der Fahrer aus dem großen Wagen umso lauter seine Glückwünsche zu. Er war sogar darauf bedacht, seinen Mundschutz abzunehmen, damit er ihr sein freundliches Lächeln zeigen konnte. Wie gut, dass die beiden Männer wenigstens daran gedacht hatten. Klara bedankte sich und lobte ihn, dass er als Mann so selbstverständlich das Gesicht bedeckte.

„Aber natürlich trage ich den“, rief Herr Busch, „wozu haben wir denn die Halterungen dafür mit auf die Welt bekommen?“ Er fasste sich an Ohr und Nase und Klara fragte sich, ob auch ihm die knappe Gratulation des Pfarrers aufgefallen war und er sie dafür mit seinem Witzchen etwas entschädigen wollte.

Noch mehr stutzte Klara, als ihr Chef sie zwei Minuten später hektisch bat, ihnen einen frischen Kaffee aufzusetzen, weil das Gebräu vom Morgen mit Sicherheit jetzt bitter schmeckte. Klara warf ihm einen irritierten Blick zu und war fassungslos, als er das Radio laut einschaltete und daraufhin energisch die Küchentür hinter sich ins Schloss zog.

„Jetzt sperrt er sogar auch mich noch ein“, murmelte sie dem Kater zu und begab sich wie ferngesteuert zur Kaffeemaschine. „Und er sagt mir nicht mal, wo er mit Herrn Busch war.“ Draußen startete der Transporter und Klara rollten die Tränen über die Wangen. Am Küchentisch überflog sie die Liste von einigen prominenten Juni-Geburtstagskindern. Sie hatte sie aus der Zeitung ausgeschnitten, um dem Pfarrer zu zeigen, mit wem sie ihren Geburtsmonat teilte. Durch den Tränenschleier hindurch las sie sich leise vor: „Anne Frank, Präsident Bush, Heinrich VIII, Meryl Streep, Che Guevara – wie auch immer man das spricht – , Steffi Graf, oh, auch der Saint-Exupéry war ein Junikind … und na ja, die Marilyn Monroe, aber die hat mit mir ja gar nichts gemeinsam ...“

Die Küchentür flog auf. „Liebe Klara, bitte folgen Sie mir!“, sagte van Kerkhof. „Und verzeihen Sie mir die nüchterne Gratulation und die Hektik am frühen Morgen. Aber ich brauchte Herrn Busch unbedingt. Meine alten Knochen taugen nicht mehr allzu viel.“

„Das ist ja nun keine Neuigkeit“, raunzte Klara, immer noch etwas säuerlich gestimmt, doch schon ein wenig gespannt auf eine Überraschung, die da garantiert auf sie wartete. Womöglich hatte er aus seinem eigenen Beet ein großes Gebinde erstellt …

„Bitte sehr, werte Klara, nehmen Sie Platz!“, sagte van Kerkhof im Wohnzimmer.

Klaras Augen weiteten sich. Der neue Fernsehsessel aus hellem Leder wirkte in dem nicht allzu großen Raum fast wie eine Wohnlandschaft. „Wie haben Sie den denn hier reingebracht?“, stieß sie als Erstes aus. „Mit Herrn Busch durch den Garten über die Terrasse. Während Sie in der Küche Radio gehört haben.“

Kaum hatte Klara sich gefasst und sich in dem bequemen Möbelstück niedergelassen, ließ van Kerkhof sie auf Knopfdruck auch schon sanft in die Liegeposition gleiten – und für Klaras Empfinden etwas zu schnell wieder emporfahren. Da saß sie nun und war sprachlos. Bis ihr einfiel: „Und wovon haben Sie den bezahlt?“

„Von meinem Ersparten, beste Klara!“, gab der Pfarrer stolz zurück. „Man wird ja schließlich nur einmal fünfundsiebzig.“

„Da sagen Sie was, Herr Pfarrer. Hach, ist das ein angenehmes Gefühl, hier drin zu sitzen! - Dann … bedanke ich mich auch recht herzlich.“ Klara hatte leuchtendrote Wangen, das Geschenk ihres Chefs rührte sie nun doch sehr. „Hier, gucken Sie mal, wer alles noch im Juni Geburtstag hat. Lauter besondere Leute sind das.“ Sie reichte ihm den Zeitungsausschnitt und van Kerkhof nickte bemüht ehrfurchtsvoll, bis er seinen Schalk nicht mehr zurückhalten konnte und hinzufügte: „Der Donald hat auch im Juni Geburtstag.“

„Das war mir klar, dass Sie jetzt noch so eine Micky-Maus mit aufzählen mussten! Sie gönnen mir meine Mitjubilare ja gar nicht.“ „Ich meine nicht Donald Duck, meine Liebe, ich spreche von Donald Trump.“

Klara wandte den Blick zur Seite und schob den Unterkiefer vor. „Der kam bestimmt zu früh auf die Welt. Oder zu spät.“ „Wie dem auch sei“, sagte van Kerkhof lachend, „jetzt lassen Sie sich erst einmal ganz herzlich und ausführlich gratulieren.“ Und Klara, die sich sofort aufrecht setzte wie eine Königin auf ihrem Thron, streckte die Hand aus und lauschte zufrieden den dankbaren Bekundungen und guten Wünschen ihres Chefs. (www.christoph-kloft.de)


Bisher erschienene Fortsetzungen:
Klara trotzt Corona, XXX. Folge
Klara trotzt Corona, XXIX. Folge
Klara trotzt Corona, XXVIII. Folge
Klara trotzt Corona, XXVII. Folge
Klara trotzt Corona, XXVI. Folge
Klara trotzt Corona, XXV. Folge
Klara trotzt Corona, XXIV. Folge
Klara trotzt Corona, XXIII. Folge
Klara trotzt Corona, XXII. Folge
Klara trotzt Corona, XXI. Folge
Klara trotzt Corona, XX. Folge
Klara trotzt Corona, XIX. Folge
Klara trotzt Corona, XVIII. Folge
Klara trotzt Corona, XVII. Folge
Klara trotzt Corona, XVI. Folge
Klara trotzt Corona, XV. Folge
Klara trotzt Corona, XIV. Folge
Klara trotzt Corona, XIII. Folge
Klara trotzt Corona, XII. Folge
Klara trotzt Corona, XI. Folge
Klara trotzt Corona, X. Folge
Klara trotzt Corona, IX. Teil
Klara trotzt Corona, VIII. Teil
Klara trotzt Corona, VII. Teil
Klara trotzt Corona, VI. Teil
Die Limburger Pfarrhausermittler: Klara trotzt Corona, V. Teil
Die Limburger Pfarrhausermittler - Klara trotzt Corona, IV. Teil
Klara trotzt Corona, dritter Teil
Klara trotzt Corona, zweiter Teil
Klara Schrupp und Pfarrer van Kerkhof trotzen der Corona-Krise



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