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Nachricht vom 22.09.2020    

Schäden an Holzstreben: Raiffeisenturm fürs Publikum gesperrt

Es ist das Ende eines Tages, das niemand auch nur im Ansatz in dieser Drastik auf der Rechnung gehabt hat: Nach Abschluss der großen Überprüfung des Raiffeisenturms auf dem Beulskopf in Heupelzen muss das Wahrzeichen der Ortsgemeinde für den Publikumsverkehr von sofort an geschlossen werden. Der Grund: Vier schräge Streben sind derart morsch, dass der Prüfingenieur für Standsicherheit, Rico Harzer, diesen Schritt dringend empfiehlt.

Zeit, ein erstes, noch nicht so niederschmetterndes Resümee zu ziehen (von links): Rainer Düngen, Dirk Laubach und Rico Harzer. (Fotos: hak)

Heupelzen. So schnell kann die Stimmung umkippen: Zunächst ist der Heupelzer Ortsbürgermeister Rainer Düngen noch optimistisch, dass der große Check des Raiffeisenturms auf dem Beulskopf einigermaßen zufriedenstellend enden werde. Doch die bittere Pille muss er am Ende der genauen Inaugenscheinnahme am Dienstagnachmittag (22. September) schlucken. Rico Harzer, Prüf- und Diplom-Ingenieur für Standsicherheit aus dem Büro Alof & Harzer aus Betzdorf, spricht sich für eine sofortige Schließung für den Publikumsverkehr aus, weil vier schräge Streben total morsch sind. "Ich habe den Bauhof der Verbandsgemeinde bereits beauftragt, die Absperrgitter schnellstens aufzustellen. Der Turm wird bis auf weiteres nicht begehbar sein. Die Wartungsarbeiten an den Antennen auf dem Dach sind gewährleistet", bilanziert ein niedergeschlagener Düngen.

Prüfbericht in drei Wochen
Harzer seinerseits wird den Prüfbericht wie vereinbart in den nächsten drei Wochen vorlegen. Informieren wird Düngen den Ortsgemeinderat in der nächsten Sitzung am 6. Oktober, bereits am Dienstagabend spricht er mit seinen Beigeordneten über die neue Situation. Erst wenn Harzers Ausarbeitung vorliege, könne die Bauverwaltung im Rathaus die Aufträge für die Reparatur formulieren. "Ich rechne mit Kosten im unteren fünfstelligen Bereich", erklärt Düngen, "es bedeutet auch eine überplanmäßige Ausgabe für die Ortsgemeinde. Schließlich wird der Ortsgemeinderat entscheiden, wie es mit dem Turm weitergeht: "Komplettsanierung, die uns sehr viel Geld kostet, oder Abriss mit Wiederaufbau an einer nur wenige Metern entfernten anderen Stelle." Düngen betont nachdrücklich, dass es für ihn keinen Weg an der Empfehlung des Gutachters vorbei gegeben habe. Die Sicherheit stehe über allem. Zudem regt Harzer an, bereits in gut anderthalb Jahren, also Mitte 2022, erneut eine große Betrachtung vornehmen zu wollen. "Und diese kostet uns dann wieder rund 8600 Euro", weiß Düngen von der Vergabe des jetzigen Auftrags.

Wie der Tag beginnt
Ein Rückblick: Es ist noch ein wenig frisch an diesem Dienstagmorgen. Die Sonne erklimmt nur mühsam den Weg zu ihrem Zenit in diesem Spätsommer. Zudem weht ein laues Lüftchen über die höchste Erhebung der Alt-VG Altenkirchen (388,2 Meter über NHN), als zwei neongelbe Mammutlastwagen sich mühsam den nur provisorisch befestigten Weg zum Fuß des Raiffeisenturms bahnen. Nach und nach ordnen sie sich für ihr Tagewerk. Der lange Kran wird ausgefahren, die Gondel, in die die Gutachter steigen, für ihren Einsatz vorbereitet. Gut gesichert, geben Dirk Laubach und Jan-Luca Frischmann ihr Okay, so dass Kranführer Stefan Friedrich den Korb in mehreren Schritten und immer auf Kommando ein Stückchen höher hieven kann. Das ganze Auf und Ab wiederholt sich neunmal, erst dann hat sich Harzer mithilfe der Luftikusse einen finalen und schließlich fatalen Überblick über den Zustand des Besuchermagneten verschafft.

Kontakt per Sprechfunk
Nach und nach gewinnt Laubach als Fachmann mit einem Hammer klopfenderweise einen Überblick über den Zustand der hölzernen Konstruktion, markiert mittels Sprühdose schadhafte Stellen, die er ebenfalls mit der Kamera für die Nachwelt festhält, während Frischmann, noch Praktikant in Harzers Büro und alsbald Student der Uni Siegen, in Kontakt mit Friedrich steht und die Anweisungen via Sprechfunk übermittelt, in welche Richtung das Arbeitsfeld verlagert werden soll. Rund acht Stunden werden sie sich von Strebe zu Strebe vorarbeiten, um die Analyse so gründlich wie möglich zu gestalten. Nach einer ersten oberflächlichen Inaugenscheinnahme ist für Harzer bereits klar, dass sich die Hölzer in den zurückliegenden fünf Jahren, als er den Turm - zwar nicht so ausführlich - unter die Lupe genommen hat, stark verändert haben." Holz arbeitet. Wichtig ist, dass Wasser ablaufen und sich nicht irgendwo im Material sammelt und dann zur Fäulnisbildung führt, wo der Specht auch noch ansetzen kann", erklärt er. Gleichwohl lässt er Blicke auf die Knotenpunkte und die Verschraubungen werfen, die aufgrund der Bewegung des Holzes nicht mehr in gewünschter Weise festgedreht sind. Auch die heißen und trockenen Sommer hätten ihre Spuren hinterlassen. "Hin und wieder werden per Bohrer Holzproben entnommen, um das Gefüge besser bewerten zu können." Harzer hat mit Türmen dieser Prägung einige Erfahrung. Aufgrund seiner Expertise wurde ein Bruder des Heupelzers in Nümbrecht (Oberbergischer Kreis) in gleicher Größe und Beschaffenheit saniert.

Selbst ist die Ortsgemeinde
Die Ortsgemeinde, der die Verkehrssicherungspflicht obliegt, macht sich einmal pro Jahr selbst ans Werk und beseitigt Schäden an Handläufen oder Treppenstufen. Sie kann auf geübte Handwerker aus dem Gemeinderat wie Schlosser und Schreiner zurückgreifen. So sind es nur Materialkosten, die mit zu 600 Euro zu Buche schlagen. Einmal pro Woche kontrolliert Düngen selbst den Turm auf Vandalismusschäden. In früheren Jahren sind auch Mitarbeiter der Bauverwaltung involviert, wenn es um einen oberflächlichen Check ging, berichtet Düngen. Was Laien natürlich nur bei genauerer und intensiverer Draufsicht auffällt, sind die teils tiefen und großen Löcher, die Gevatter Specht ins Holz geklopft hat und dessen Arbeitslaute von Laubachs Hammerschlägen beinahe 1:1 imitiert werden.

Eine "alltägliche" Aufgabe
So bleibt für den vielleicht wichtigsten, weil für die Sicherheit in erster Linie verantwortlichen Mann an diesem Tag, Stefan Friedrich vom Krandienst Ley in Gummersbach an den Bedienungselementen des Autokrans, festzustellen, dass der Auftrag in die Kategorie "alltäglich" gehört. Hin und wieder ist ein bisschen Fingerspitzengefühl gefordert, wenn es gilt, Korb und Seile um die Funkeinrichtungen auf dem Dach zu manövrieren. Ausgelastet ist die Maschine beileibe nicht. Der maximal 60 Meter lange Arm kann bis zu 100 Tonnen bewegen. Apropos Dach: Auch die Eindeckung mit Wellbitumen ist in die Jahre gekommen und an manchen Stellen porös.

Verschiedene Denkmodelle
Düngens Überlegungen, wie die Zukunft des Dreieck-Hohlturms, der bislang zweimal gestrichen wurde, aussehen könnte, sind trotz des "Niederschlags" eigentlich breit angelegt. Vor dem Hintergrund, dass ein Neubau möglicherweise auch nur 300.000 Euro wie eine Generalsanierung kosten könnte, bringt er einen kompletten Abriss und eine "Wiederauferstehung" auf dem "Hinterkopf" des Beulskopfs (logischerweise gibt es auch einen "Vorderkopf"), rund 50 Meter vom jetzigen Standort entfernt, ins Spiel. Die Sache hat nur einen Haken: Das avisierte Gelände gehört den Waldinteressenten, von denen die Ortsgemeinde die erforderliche Fläche, die inzwischen so gut wie frei von Fichten ist (dem Borkenkäfer sei gedankt), pachten müsste. Gespräche über diese Variante wurden noch nicht geführt. Sie hätte den Charme, dass aufgrund der Topografie mehrere Rutschen, in unterschiedlicher Höhe am Turm verankert, gen jetzigem Fundament mit gutem Gefälle und Auslaufzonen führen könnten. "Der touristische Wert würde deutlich gesteigert", vermutet Düngen. Da der "Hinterkopf" rund acht Meter höher ist als die aktuell bebaute Fläche, würde der "Neue" um diese Länge gekürzt. Ganz ad acta legt Düngen einen Austausch "alt gegen neu" an momentaner Position ebenfalls nicht, ohne beziffern zu können, wie teuer ein Rückbau der jetzigen Konstruktion ausfallen würde.

177 Stufen bis zur Plattform
Bis Finales feststeht, werden zunächst keine Höhentauglichen mehr die 177 Stufen vom Erdboden bis zur Plattform in einer Höhe von 30,50 Meter (und wieder zurück) in Angriff nehmen, werden die sechs Antennen an der Spitze für Richtfunk und Telefonnetze aber weiter ihren Dienst tun. Der Bau des Turms (Gesamthöhe 34,10 Meter), dessen drei Seiten alle gleich lang sind, begann mit den Erdarbeiten im Oktober 1989. Die Grundsteinlegung war im April 1990. An drei Tagen im Juni 1990 folgte bereits die Einweihung, so dass im Juni diesen Jahres der 30. Geburtstag gefeiert hätte werden müssen. Das Fest wurde zunächst einmal ins Jahr 2021 verschoben. Die Ortsgemeinde musste sich mit lediglich 12 Prozent an den Kosten beteiligen, wurde aber verpflichtet, die Unterhaltung sicherzustellen. Rund 270.000 Mark wurden ausgegeben. Das Land steuerte allein 105.000, der Kreis 60.000 Mark bei. Viele Spenden komplettierten den Etat. Das "Gerüst" wiegt rund 35 Tonnen, in die Bodenplatte flossen rund 165 Kubikmeter Beton. Legendär sind zahlreiche Feste am Fuße der Struktur und die Läufe über die 177 Stufen bis unters Dach. Die Bestzeit wird laut Wikipedia mit 27,16 Sekunden angegeben. Erste Überlegungen eines Turmbaus reichen laut Birkenbeuler Schulchronik bis ins Jahr 1922 zurück. Letztendlich war es das sagenhafte Kohlenmeilerfest mit rund 25.000 Besuchern über drei Wochen im August 1986, das den finalen Push für die Errichtung der erhöhten Aussicht gab. (hak)


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