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Nachricht vom 30.09.2020    

19. Westerwälder Literaturtage hatten Sandra Lüpkes zu Gast

Maria Bastian-Erll, die organisatorische Leiterin der Westerwälder Literaturtage, konnte am Dienstagabend, 29. September, viele Gäste im Kulturwerk in Wissen begrüßen, die zur Veranstaltung des Kultursommers im Rahmen der 19. WW-LIT (Westerwälder Literaturtage) unter dem Thema „Nordlichter“, voller Spannung einigen Passagen aus Sandra Lüpkes fesselndem neuem Roman „Die Schule am Meer“ lauschten. Passend dazu wurden auf einer großen Leinwand Fotos der Insel Juist und der Schule gezeigt. Als Moderator im Dialog mit der Autorin konnte zum wiederholten Male Bernhard Robben gewonnen werden, der sich sehr darüber freute, dass endlich wieder eine Lesung stattfand.

Bernhard Robben im Dialog mit Sandra Lüpkes. Fotos: ma

Wissen. Sandra Lüpkes, geboren in Göttingen, verbrachte ihre ersten Lebensjahre in Juist und ging zur dortigen Inselschule. Die Autorin lebt heute in Berlin. Ihre Bücher haben sich über 700.000-mal verkauft. „Die Schule am Meer“ spielt in der Zeit von 1925 bis 1934, und beruht auf einer wahren Geschichte, in einer Mischung aus realen und fiktiven Figuren. Lüpkes erzählt ihre Geschichte am Beispiel des Schülers Maximilian Mücke, genannt „Moskito“, (Bernhard Robbens Lieblingsfigur) der als 10-Jähriger aus Bolivien auf die Insel kommt. Er leidet schrecklich unter Heimweh und hasst das morgendliche rituelle Tauchbad in der Nordsee. Erst als er „Titicaca“, eine verletzte Wildgans rettet, die ihm anschließend auf Schritt und Tritt folgt, beginnt er sich mit dem Leben auf der Insel anzufreunden. Neben Moskito steht das Lehrerkollegium und dessen geplantes Lebenswerk im Fokus des Romans. Die Gründungsmitglieder der ersten deutschen Freiluftschule, die bis zum Reifezeugnis führte, waren 1925 das Lehrerehepaar Paul und Anni Reiner, sowie Martin Luserke, einer der bedeutendsten Vertreter der Reformpädagogik. Zusammen mit gleichgesinnten Kollegen wie dem Musikpädagogen Eduard Zuckmayer, („die Figur in die sie sich ein bisschen verliebt habe“, so Lüpkes), und Bruder des bekannten Schriftstellers Carl Zuckmayer, begab man sich „an den Rand der Welt“, so Robben in seiner Einführung zum Buch. Sie wollten eine neue Welt erschaffen, eine Schule ohne Angst. Theater wurde in der eigenen Theaterhalle gespielt, es gab einen Chor, ein Orchester und mehrere Schülerverbindungen, die alle den Namen von Tieren trugen. Die anfängliche Skepsis der alt eingesessenen Insulaner wegen der Kommune und ihren merkwürdigen Ritualen, schlägt bald in Hass um. Toleranz, Gleichberechtigung und Individualität der von der Schule gelehrten Werte, waren im neuen Staat nicht länger gefragt.

Als Hitler an die Macht kam wurden für die reformpädagogische Schule keine Zuschüsse mehr gezahlt. Die Schule hatte sich mit dem Bau der Theaterhalle finanziell übernommen und war auf das Geld angewiesen. Ein Nazi, der 1934 zum Bürgermeister auf Juist gewählt wurde, schloss die Schule am Meer nach neun Jahren. Am nächsten Tag fuhren Schüler und Lehrer ein letztes Mal mit dem Dampfer „Friedland“ nach Norddeich. Heute ist im Schulgebäude eine Jugendherberge untergebracht.

Diese Tragik, die auf einem kleinen, unscheinbaren Plakat im Küstenmuseum in Juist nachzulesen ist, habe sie im März 2017 auf die Idee zum Buch gebracht, so Lüpkes. Da sei ihr klar geworden, dass da eine unwahrscheinlich große Geschichte dahinterstecke. Sie verbrachte Nächte mit Recherchen im Küstenmuseum und fand nach langer Suche die jüngste Tochter des Ehepaars Paul und Anni Reiner, Karin, die heute im Tessin lebt. Sie traf die 87jährige in Zürich und verbrachte mit ihr zwei Wochen in der ehemaligen Wohnung von Anni Reiner, in der sie in einer alten Truhe die Antwort auf ihre Frage: „Wer war Anni Reiner“ fand. Einhundertelf Briefe, alle in der Zeit geschrieben als diese bei ihrem schwerkranken Mann in Zürich- und die Töchter, denen sie fast täglich schrieb, auf Juist waren:“ Das war für mich der tollste Augenblick den ich als Schriftstellerin je erlebt habe. Anni Reiner war so wie ich sie mir vorgestellt habe, pragmatisch, unerschrocken und lösungsorientiert, eigentlich untypisch für eine Romanfigur“.

Sandra Lüpkes beendete ihre Lesung mit dem zitieren des Lebensmottos von Anni Reiner:“ Es geht im Leben nicht um Angst, auf den Mut kommt es an“. Das sei auch ihr Motto, gerade jetzt in Corona-Zeiten und für Bernhard Robben ein Schlusssatz, den er sich passender nicht hätte vorstellen können. ma


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