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Nachricht vom 08.09.2010 - 14:27 Uhr    

Droht der Nister der ökologische Gau?

Der karpfenartige Fisch Nase (Chondrostoma nasus) steht seit 2008 auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. In der heimischen Nister gingen die Bestände dramatisch zurück, vermehrtes Algenwachstum und die einhergehende Verschlammung des Flüßchens ist eine Folge. Die Nase hat einen Fraßfeind mit viel Hunger: den Kormoran. Die Bestände der Nase sind innerhalb kurzer Zeit zusammengebrochen.

Die Bestände der Nase in der Nister sind dramatisch zurück gegangen, die Alenteppiche nehmen zu. Foto: Manfred Fetthauer

Region. Die Nister ist ein typischer Mittelgebirgsbach im Westerwald. Ihre Gesamtlänge beträgt mit Großer und Kleiner Nister zusammen rund 86 Kilometer. Nahe Wissen mündet die Große Nister in die Sieg. Mit Ausnahme des direkten Unterlaufs ist das Gewässersystem der Forellen- und Äschenregion zuzuordnen. Typische Vertreter der lokalen Fischfauna sind neben Äsche, Lachs und Forelle auch Barbe, Döbel, Hasel, Rotauge und Nase. Die Nase (Chondrostoma nasus) bildete noch bis in die Mitte der 1990er Jahre sehr individuenstarke Bestände. Der zur Familie der Karpfenfische gehörende Fisch gilt als idealer Algenfresser und zudem auch als "Reinigungsfisch" für Bäche und Flüsse. Nun droht der ökologische Gau des kleinen Flusses Nister, denn die Nase, ein algenfressender Fisch, wurde von Kormoranen als beliebtes Futter in den Beständen stark dezimiert.

Nach Aussage von Biologen ist die Nister aufgrund ihrer Artenzusammensetzung ein Juwel unter den Gewässern der Mittelgebirge. So konnten neben 23 Fischarten außerdem Flussperlmuschel und Bachmuschel nachgewiesen werden. Die meisten dieser Arten sind in der Roten Liste als stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht aufgeführt. Die Flussperlmuschel bildet sogar einen der letzten Reliktbestände in Rheinland-Pfalz. Der Lachs als Zielart des Lachsprogramms 2020 kehrt seit 1998 jährlich in die Nister zurück und reproduziert sich seit mindestens 12 Jahren erfolgreich.

Aufgrund der vielfach naturnahen Strukturen verfügte die Nister über einen außerordentlich starken Nasen- und Barbenbestand, der sich bis hinauf in die Untere Forellenregion erstreckte. Kontrollbefischungen aus den 1990er Jahren belegen, dass auf 23 km Bachlänge ungefähr 30.000 Nasen und 10.000 Barben vorkamen. Auch Netzbefischungen in den 1990er Jahren (Laichfischfang für Wiederansiedlungsprojekte in Hessen) ergaben 750 kg Nasen auf 1 km Flusslänge.
Dass diese Arten dazu beigetragen haben, auch in den Jahren höchster Verschmutzung das ökologische Gleichgewicht zu erhalten und Kinderstuben für alle anderen Arten zu schaffen, wurde gerade in den letzten Jahren deutlich – als ihre Bestände in Folge des Fraßdrucks durch den Kormoran innerhalb weniger Jahre zusammenbrachen. Das ökologische Gleichgewicht – und insbesondere die Nährstoffsituation - erscheinen seit diesem Bestandszusammenbruch komplett aus den Fugen!

Der Bestandszusammenbruch begann 1997/1998 mit dem Auftreten der ersten Kormorane - einem bis dahin am mittlerem Siegsystem (und insgesamt in den Mittelgebirgen) unbekannten Vogel. Man konnte förmlich beobachten, wie „unvorbereitet“ das Auftreten des Kormorans die Fische traf. In den Wintermonaten, wenn die Cypriniden (Karpfenfische) in Massen ihre Winterquartiere in den tiefen Kolken einnahmen, begann eine „hocheffiziente“ Treibjagd durch Dutzende im Verband jagende Kormorane.
Die Kormorane hatten sich zunächst an verschiedenen Schlafplätzen in einer Größenordnung von ca. 80 Stück etabliert, was sich bis 2002 auf 140-150 Vögel steigern sollte. Alle Schlafplätze waren in einem Radius von maximal 30 km im Bereich der Nister. Entsprechend wurde sie auch mehrmals am Tag angeflogen.
In Abstimmung mit den Behörden und Verbänden wurde zunächst über ein Pilotprojekt eine nicht-letale Vergrämung vereinbart, die von einem Monitoring biologisch begleitet wurde (1998/1999). Die Vergrämungsversuche (Böller, Schreckschuss) erwiesen sich bereits im ersten Jahr als untauglich und zwecklos. Die Kormorane flogen einfach eine Schleife weiter und jagten erneut. Da an der Nister eine besonders sensible und artenreiche Fischartengemeinschaft vorlag und hier auch das Lachsprogramm durchgeführt wird, hat die ARGE Nister im Jahr 2000 versucht, Abschussgenehmigungen zu erhalten. Da aber mit den Verbänden keine Einigung erzielt werden konnte, einigte man sich auf ein weiteres Pilotprojekt, in dem eine letale Vergrämung – wieder mit einem Monitoring - versucht wurde. Das Ergebnis war überraschend: die Vögel ließen sich auch durch einzelne Abschüsse nicht nachhaltig vertreiben. Am Ende der Saison war der Kormoranbestand genauso groß wie zu Beginn – abzüglich der geschossenen Individuen! In späteren Jahren konnte die Anzahl der Kormorane auf 50-60 im Winterhalbjahr gesenkt werden, in 2009 auf ca. 30 (im Sommer ca. 10). Übrigens: Der Kormoran ist Vogel des Jahres 2010.
Aus den genannten Pilotprojekten ist auch die heutige Kormoranverordnung des Landes Rheinland-Pfalz entstanden; alles geschah in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden. Die ersten Abschussgenehmigungen konnten erteilt werden.
Aber die Maßnahmen kamen für die Fischbestände und insbesondere für die Äschen-, Nasen- und Barbenbestände zu spät. „Die Elektrobefischungen im Rahmen des Kormoranmonitorings wie auch des Lachsprogrammes ergaben, dass wir jedes Jahr Bestandseinbrüche in Dimensionen hatten, die keiner für möglich gehalten hatte. Die Äsche ist mittlerweile verschwunden, die Bestände von Barbe und Nase umfassen vielleicht noch fünf Prozent der Bestandsgröße Mitte der 1990er Jahre“, berichtete Manfred Fetthauer, Vorsitzender der Arge Nister. Dagegen haben sich die Bestände von Schmerle, Groppe und Elritze weit mehr als verzehnfacht.
Die Veränderungen der Fischartengemeinschaft können nach Aussagen von an der Nister im Rahmen von Artenschutzprojekten tätigen Wissenschaftlern als dramatisch beschrieben werden – und sie stehen in engem zeitlichen Zusammenhang mit dem Auftreten des Kormorans. Gleichzeitig tritt seit knapp 10 Jahren alljährlich – also in feuchten kühlen wie auch in warmen trockenen Jahren - ein weiteres, zuvor in diesem Ausmaß unbekanntes Phänomen auf: eine Massenentwicklungen von Algen und pH-Werte über 9,5 im Frühjahr und Sommer, zudem Sauerstoffdefizite und Schlammbildung nach dem Absterben der Algen. Dies hat zur Folge, dass diese abgestorbene Biomasse die Lückensysteme verschließt – Lückensysteme, die für andere Arten (inklusive Flussperlmuschel!) von größter Bedeutung sind. Die Laichplätze der Salmoniden, Barben und Nasen verschlammen - Schlammmassen von über 1 cm Schichtdicke bedecken heute fast den ganzen Bachgrund.
Ganz offensichtlich ist die Nahrungskette sowie das gesamte ökologische Gleichgewicht mittlerweile außerordentlich stark gestört. Welche Zusammenhänge aber sind bei dieser Störung ursächlich?

Die Massenentwicklung der Kleinfische dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den drastischen Rückgang der Fressfeinde, namentlich der Barbe (ggf. auch Döbel, Aal) zurückzuführen sein. Die Groppe wiederum kommt bei hohen Dichten als effektiver Laichräuber und Fressfeind junger Salmoniden in Betracht – und kann dann empfindliche Bestandsverluste auslösen.
Für die enorme Zunahme des Algenwachstums kommt – da die Nährstoffbelastung eher zurückgegangen ist – hauptsächlich der Rückgang der Konsumenten in Frage. Und wichtigster Konsument pflanzlicher Biomasse war in der Vergangenheit die Nase.
Die Nase ist vorwiegend Vegetarier und dabei ein echter Nahrungsspezialist, der insbesondere Algen von hartem Substrat abweidet. Mit ihrem harten Unterkiefer und der scharfen Unterlippe können Nasen dabei nicht nur „weiche Algen“ (z.B. Grünalgen) abweiden, sondern auch Kieselalgen (sog. Diatomeen). Während der Fressperioden suchen die Nasen oft schwarmweise verschiedene Weideplätze auf. Seltener fressen sie auch Kleintiere, die sich am Grund aufhalten.
Durch großflächiges Abweiden in Schwärmen von bis zu 1.000 Tieren hält die Nase
den Untergrund von übermäßigem Algenbewuchs frei. Daher kommt ihr im Ökosystem eine ganz wichtige Rolle zu, denn übermäßiges Algenaufkommen ist eine Ursache für starke ph-Wert- und Sauerstoffschwankungen.
Um das Ausmaß einmal darzustellen, führte Fetthauer folgende beispielhafte Kalkulation auf:
Wieviel pflanzliche Nahrung die Nase aufnimmt, ist bisher noch nicht untersucht worden. Um eine Größenordnung herauszuarbeiten, wird angenommen, dass die Nase täglich rund 10 Prozent ihres Körpergewichts aufnimmt (eine vorsichtige Kalkulation – beim Graskarpfen können es über 100 Prozent sein!). Schwerpunkt der Nahrungsaufnahme seien 180 Tage im Jahr. Eine durchschnittliche Nase wiegt 500 g (bei einer Länge von 35-45 cm).
Setzt man diese Werte mit der ehemaligen Bestandszahl von 30.000 Nasen in Bezug, ergibt dies 30.000 mal 50 g Algen = 1,5 Tonnen am Tag oder 270 Tonnen im Jahr!
Das heißt: rund 216 Tonnen pflanzlicher Biomasse (Algen) wurden schon bei einem Bestandsrückgang von 80 Prozent (Stand 2004) in einer Wachstumsperiode nicht mehr abgeweidet. Sie sind im Fluß verblieben.
Nicht berücksichtigt wird in dieser Rechnung, dass die Nase vorrangig den dünnen „Algenrasen“ abweidet, also pflanzliche Organismen entnimmt, bevor sie auswachsen (und sich ihre Biomasse noch einmal vervielfacht). Auch die anderen Fischarten, die teilweise in erheblichem Ausmaß Pflanzen fressen, wie Döbel und Rotauge, sind in dieser Kalkulation noch gar nicht enthalten. Schließlich hemmt vermutlich auch die Barbe durch ihren Substratkontakt (Stöbern) bei der Nahrungsaufnahme das Algenwachstum.
Das Fallbeispiel Nister zeigt also auf: das Auftreten eines bisher nicht im Nahrungsgefüge vorhandenen Fressfeindes (Kormoran), der die typischen Konsumenten dezimiert (u.a. Nase), führte nicht einfach nur zum Rückgang von Fischbeständen, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit zu empfindlichen Störungen des gesamten ökologischen Gleichgewichts. Die ansteigende Biomasse der Pflanzen (Produzenten) fixiert viele der Nährstoffe, die ansonsten permanent mit der fließenden Welle aus dem Gewässer ausgespült würden – und setzt sie dann in kurzer Zeit frei, wenn die Algenbestände im Sommer zusammenbrechen. Gleichzeitig verschlechtern sich die Vermehrungsbedingungen der Fische – darunter die der Nase. Die Folgen dieser sich immer schneller drehenden Spirale können an der Nister gut beobachtet werden – genauso wie die weiter jagenden Kormorane in der Winterruhephase der Nasen, Barben, Döbel usw. Ob unter diesen Bedingungen weiter Lachse erfolgreich laichen können und die landesweit letzten Bach- und Flussperlmuschelbestände erhalten werden können, darf bezweifelt werden.
Was wäre das für eine Ironie: Artenschutz zu Gunsten des gebietsfremden Kormorans besiegelt das Schicksal hoch gefährdeter heimischer Arten in einem einzigartigen Flusssystem. (Manfred Fetthauer/Helga Wienand)



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