Werbung

Nachricht vom 25.10.2020    

Buchtipp: „All die ungelebten Leben“ von Michaela Abresch

Von Helmi Tischler-Venter

Die Dierdorfer Autorin hat sich in ihrem aktuellen Roman eines diffizilen Themas angenommen, dem langsamen Sterben einer krebskranken Frau. Ihre Protagonistin, die 45-jährige Jane will noch einmal das Meer erleben und zieht sich mit ihrer Tante Gitte in deren Ferienhaus auf der dänischen Insel Romo zurück. Jane hat noch einen Wunsch: Brieflich lädt sie ihre beiden Schwestern, die 20 Jahre lang keinerlei Kontakt zueinander hatten, zu sich in das Ferienhaus ihrer gemeinsamen Kindheit ein.

Buchtitel. Foto: Verlag

Dierdorf. Abresch arbeitet in der Behindertenhilfe, sie ist vom Fach, man spürt ihre Kompetenz und Empathie. Durch ständige Perspektivwechsel bringt sie Spannung in das Geschehen, denn alle Personen tragen lang gehütete Geheimnisse mit sich herum. Lange bleibt es unklar, wie es zu dem kompletten Beziehungsabbruch der Familienmitglieder kommen konnte. Von Beginn an klar ist nur, dass alle Frauen, inklusive der früh verstorbenen Mutter, unter der Gefühlskälte des Vaters litten. Er war Gittes Halbbruder, der Gittes lebenslustige Freundin Therese heiratete. Aber in ihrer emotionslosen Ehe verlernte diese das Freuen. Mutter und Töchter gierten vergeblich nach Anerkennung durch den Ehemann und Vater.

Nach dem Unfall der durch Frustration alkoholkranken Mutter kümmerte sich die älteste Tochter Selma hingebungsvoll um die Wachkomapatientin, Mascha, die ewig schwarz gewandete mittlere Schwester entwickelte sich vollends zur Rebellin und die damals noch kleine Jane zog zu ihrer Tante Gitte, die sich mütterlich um ihre Nichten kümmerte. In dem rot gestrichenen Holzhäuschen am Meer verbrachten die Schwestern glückliche Ferien. Bis auch der Vater verstarb. Selma verursachte nach dessen Beerdigung einen kompletten Bruch mit ihren Schwestern und ihrer Tante.

Wegen Jane treffen sich die Geschwister wieder auf Romo. „Gitte hatte geahnt, dass mit dem Wiedersehen ihrer Nichten aufbrechen würde, was lange unangetastet geruht hatte, wie trockene Erde, die sich nur mit großer Kraft aufgraben ließ. Mit Werkzeugen, die jede von ihnen an ihre Grenzen treiben würde. Auch sie selbst.“

Der Zustand ihrer jüngsten Schwester erschüttert die Frauen und ihre bisher gehegten Überzeugungen. In vielen Gesprächen wird deutlich, dass keine das Leben lebte, das sie eigentlich wollte. Pflichtbewusstsein hat sich tief in ihnen verankert. Zu zeigen, dass man sich immer auf sie verlassen kann, ist den Frauen wichtig. Dabei bleiben ihre Träume und Bedürfnisse auf der Strecke. Selma sucht Trost im Einkaufen und Kettenrauchen, Mascha hält besessen an ihrem Familienideal fest und Jane verwirklicht sich als Krankenschwester bei Hilfsprojekten im Südsudan. Ihre Krebserkrankung zwingt sie, diese befriedigende Arbeit aufzugeben.



Das Korsett aus Konventionen gibt den Frauen nach außen Halt und nimmt ihnen nach innen die Luft zum selbstbestimmten Leben. Dieses ungelebte Leben betrifft alle: „Wenn dein Herz dir sagt, dass du lieber woanders sein willst als dort, wo du glaubst hinzugehören, dann ist das ein mehr als zuverlässiges Indiz für das Vorhandensein eines ungelebten Lebens.“

„Man holt den Tod zu früh ins Leben. … Auch wenn er sich abzeichnet, unabwendbar, ist es doch so, dass ein Mensch lebt, bis er stirbt. Solange ein Mensch atmet, lebte er. Und solange er lebt, hat er Bedürfnisse und Empfindungen und eine Würde.“ Jane wurde bei ihren Afrika-Einsätzen oft mit dem Tod konfrontiert und kennt seine Begleiterscheinungen, sodass Gitte feststellt, dass es Segen und Fluch zugleich sei, dass Jane Krankenschwester ist. Die hat sich viele Gedanken über ihr Ableben gemacht und weiß, dass der Tod individuell ist.

Krankheit und Tod betreffen auch alle Leser und machen sie betroffen. Das Buch hallt nach, es berührt und wühlt auf, aber es hinterlässt keine Hoffnungslosigkeit. Es ist bekannt, dass der Tod eines geliebten Menschen eine Lücke hinterlässt, manchmal eine Riesenkluft. Aber solange man in jemandes Herzen getragen wird, ist man nicht gestorben.

Mascha hat Zeichnungen von Jane angefertigt, für jede von ihnen eine. „Sie standen in einem Kreis beieinander, schirmten die Zeichnungen mit ihren Körpern vor den heftigen Windböen ab und ließen es zu, dass Janes Anblick Erinnerungen weckte, schöne und bittere zugleich. Sie vermischten sich miteinander, und erst nach einer Weile sanken sie zurück in die Tiefen, aus denen sie aufgestiegen waren und wo sie unzerstörbar ruhen würden.“

Das Buch handelt auf der Einbahnstraße zum Tod hin mehrheitlich vom Leben, vom Rückblick auf Leben, in denen zu wenige Fragen gestellt und viel zu wenig gesagt wurde. Der berühmte Mantel des Schweigens ist riesengroß und zentnerschwer. Erst Janes Angst davor, vergessen zu werden, vermag diesen Mantel zu durchlöchern.

Erschienen ist das Taschenbuch im Acabus Verlag, ISBN: 978-3-86282-733-6, als ePub—eBook: ISBN 978-3-86282-735-0, als PDF-eBook: ISBN 978-3-86282-734-3. htv


Mehr dazu:   Buchtipps  
Feedback: Hinweise an die Redaktion

AK-Kurier Newsletter: Immer bestens informiert

Täglich um 20 Uhr kostenlos die aktuellsten Nachrichten, Veranstaltungen und Stellenangebote der Region bequem ins Postfach.



Aktuelle Artikel aus Kultur


Buchtipp: "Drei Morde und ein Halleluja" - Ein Weihnachtskrimi von Schulte & Schulte

Der Titel erinnert an einen Western mit Bud Spencer und Terence Hill, aber die Kulisse für den Krimi ...

DJ und Naturschützer Dominik Eulberg begeistert mit außergewöhnlicher Lesung

Wir alle werden jeden Morgen von schönem Vogelgezwitscher geweckt. Doch nur die wenigsten Menschen können ...

Micha Krämer liest in Obererbach aus seinem Kriminalroman

Die Landfrauen im Bezirk Altenkirchen hatten zu einer Krimilesung ins Dorfgemeinschaftshaus Obererbach ...

Verdis "Messa da Requiem" in Hadamar: Oper trifft Kirchenmusik

Am 14. November erwartet die Besucher in Hadamar ein besonderes musikalisches Ereignis. Giuseppe Verdis ...

Neuwied erstrahlt zu Sankt Martin im Laternenschein

Vielstimmiger Kindergesang, der feierlich in den Abendhimmel steigt, und buntes Laternenleuchten, das ...

Abgesagt: Grammophonlesung mit Jo van Nelsen findet nicht statt!

Eine geplante Veranstaltung in Altenkirchen muss kurzfristig abgesagt werden. Die Vorfreude auf einen ...

Weitere Artikel


Wegefreigabe: Testfeldsondierung am Stegskopf beginnt

Schritt für Schritt für mehr Bewegungsfreiheit: Das DBU Naturerbe, die gemeinnützige Tochter der Deutschen ...

Neue Ausstattung für das Vereinsheim der DRK Bereitschaft Birken-Honigsessen

Die DRK Bereitschaft Birken-Honigsessen bedankt sich bei der Freiwilligen Feuerwehr Brachbach: dank einer ...

Energietipp: Wärmegewinne durch Fensterflächen möglich machen

Die Südausrichtung von Fensterflächen ermöglicht einen hohen Eintrag von Sonnenwärme; erfordert aber ...

Nicole nörgelt… über Klopapier-Hamster

Sie sind klein und flauschig, haben süße Knopfäuglein und hach, diese süßen Näschen! Als Kind wollte ...

Gut sichtbar durch Herbst und Winter

In Herbst und Winter sind Fußgängerinnen, Fußgänger und Radfahrende besonders schlecht zu erkennen. Vor ...

Gesellige Marienkäfer, buntes Laub und Zeitumstellung

Der Herbst als Vorbote des nahenden Winters sendet eindeutige Umwelt-Signale. Morgens wabert Nebel durch ...

Werbung