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Nachricht vom 29.11.2020    

„w40.global“: Die Suche nach Antworten auf drängende Fragen der Zeit

Die Idee, die Menschenrechte auf Tafeln in Altenkirchen zu präsentieren, ist inzwischen weit über den Westerwald hinaus bekannt. Aus der Ehrenamtsinitiative "Ich bin dabei!" hervorgegangen, ist die Gruppe "w40.global" um "Kümmerer" Jürgen Binder auch schon ein Preisträger. Anschlussideen sollen dafür sorgen, dass das wichtige Thema allgegenwärtig bleibt.

Wenn die Corona-Pandemie nicht wäre, könnte sich die Gruppe "w40.global" unter "Kümmerer" Jürgen Binder wieder in ihrer "Zentrale" in der Wilhelmstraße 40 in Altenkirchen treffen. (Foto: hak)

Altenkirchen. Der Blick ruht nur wenige Sekunden auf diesem Schaufenster. Nichts, was das Herz eines Konsumenten höher schlagen ließe, ziert die Auslage dieses Ladenlokals in der Altenkirchener Fußgängerzone. Lediglich ein Banner mit um 90 Grad gegenüber der Horizontalen gedrehten sieben Buchstaben, einer zweistelligen Zahl sowie einem trennenden Punkt und ein zu einem Kunstobjekt stilisiertes Fenster nehmen die Augen der Passanten wahr. Und dennoch ist dieser Raum hinter der großen Scheibe, in der sich die Front der Privilegierten Apotheke spiegelt, mehr als nur ein weiterer Leerstand in der Wilhelmstraße. Das fällt erst bei einem intensiveren Hinschauen durch die riesige Glasfläche auf. Ein Tisch für Besprechungen, an dem durchaus zehn Teilnehmer jeweils ihren Platz finden im vorderen und weitere Sitzgelegenheiten im hinteren Bereich, alles nicht aufdringlich ausgeleuchtet und an den Wänden mit Bildern ergänzt, erzeugen eine Atmosphäre, die schon ein bisschen eine Art Wohlbefinden vermittelt. Auf dieses Ambiente jedenfalls ist Jürgen Binder stolz. Stühle und Tische, eigentlich für die Entsorgung gedacht, seien in mühevoller Handarbeit aufgearbeitet worden, erklärt er mit berechtigtem Stolz. Und in diesem Ambiente lässt es sich ganz vortrefflich diskutieren als, wie es auf der Homepage heißt, "sozialem Netzwerk für Menschenrechte". Die Heimstatt der Gruppe "w40.global" ist jedoch zum Leidwesens Binders dank der Corona-Pandemie in diesen Wochen und Monaten verwaist. Die auferlegten Kontaktbeschränkungen lassen keine Meetings "face to face" zu.

Zusatz für Wilhelmstraße?
Dennoch geht die Arbeit unter Binder, dem Kopf des lockeren Zusammenschlusses, weiter. Erste sichtbare und handfeste Ergebnisse des Schaffens sind die Menschenrechtstafeln, die derzeit, quer über das Stadtgebiet verteilt, in Form von Grauwackesteinen und auf ihnen montierte Schilder mit den Wortlauten von 29 Artikeln einer UN-Resolution aus dem Jahr 1948 ihre Standorte finden. Die Aktion aber soll, so Binders Gedanken, erst den Anfang darstellen, diese so wichtigen Regeln tiefer ins Bewusstsein zu rücken. Als nächstes möchte die Initiative Schilder mit der Aufschrift "Menschenrechtsstraße" als Zusatz an die Straßenbezeichnung "Wilhelmstraße" verwirklicht wissen. Unter der Überschrift "Menschenrechtstage in Altenkirchen" könnten sich Veranstaltungen anschließen, die einzelne Themen dieses Komplexes bearbeiten, aus denen sich "Handlungsanweisungen und konkrete Schritte" ergeben könnten. Bevor die Fortsetzung folgt, darf Binder am 5. Dezember via Videokonferenz mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer den "Brückenpreis" für das Projekt "entgegennehmen", weil die Siegerehrung in der Staatskanzlei gecancelt wurde. Sichtbare Zeichen des Erfolges werden ein Pokal, eine Urkunde und ein professionell produziertes Vier-Minuten-Video über die Aktion sein. Zudem werden auch 1000 Euro aus der Landeshauptstadt gen Altenkirchen überwiesen.

Der "Raum" ist erst der Anfang
Für Binder ist der "Raum", also die Geschäftsfläche, erst ein Anfang. Der Rahmen müsse stimmen, nennt er eine Voraussetzung für ein weitere erfolgreiche Arbeit, so könne gezeigt werden, dass ein Einzelner etwas in Gang setzen könne. "Wir machen es einfach", lautet sein Credo, das bereits im November 2019 erfolgreich zum Tragen kam. "Die erste Friday-for-future-Demonstration in Altenkirchen wurde an diesem Tisch hier organisiert", freut sich Binder immer noch über den guten Zuspruch vor rund einem Jahr, als die Organisatoren mit 150 Teilnehmern gerechnet hatten, er von 600 ausgegangen war und schließlich 400 durch die Straßen der Kreisstadt gezogen waren. Die Schar der Interessierten, die sich aktiv wichtigen Herausforderungen der Zeit stellen, schwankt. Ein fester Kern umfasst bis zu zehn Menschen, die sich auch dem Pro und Contra einer "Grundsicherung für Kinder" angenommen haben. "Kinderarmut in Deutschland wird zu Recht von allen Seiten als skandalös angeklagt. Die Antwort darauf ist ein eigener Anspruch von Kindern auf eine monatliche Grundsicherung. Die Leistungen für Kinder aller Art können darin gebündelt werden. Es ist möglich, auf einer Chipkarte zu programmieren, für was und in welchem Umfang das Geld von den Eltern ausgegeben werden darf", nennt Binder einen Ansatz für Überlegungen, Grundlegendes in der Republik in andere Bahnen zu lenken.



Selbst in den Rücken gefallen
Noch gut kann sich Binder an die Geburt von "w40.global" erinnern. "Hebamme" war die rheinland-pfälzische Ehrenamtsinitiative "Ich bin dabei!", an der auch die Alt-Verbandsgemeinde Altenkirchen (vor der Fusion mit Flammersfeld) teilnahm. "Als ich die Einladung zum ersten allgemeinen Treffen erhalten hatte, wie weitere 3600 Senioren in der VG auch, bin ich mir selbst in den Rücken gefallen. Denn eigentlich gehe ich zu solchen Dingen nicht, habe mir aber gesagt: ,Da musst Du mal hin'", schaut er zurück. Auf die Frage aller Fragen der Organisatoren zum Sinn und Zweck des Brainstormings "Was man im Leben schon immer mal tun wollte, wozu man im Leben aber nicht gekommen ist", antwortet Binder - zur Überraschung vieler: "Ich möchte machen, was ich schon immer gemacht habe!" Das hieß und heißt für ihn als "Kümmerer" der Gruppe: sich "drängenden Fragen der Zeit auf spirituellem Hintergrund" anzunehmen. Zu gute beim Start sei ihm gekommen, dass "niemand den Binder kannte und ich in keine Schublade eingeordnet werden konnte, was natürlich jetzt dank des Menschenrechtsprojekts, das weite Kreise gezogen hat, nicht mehr gilt."

Von Essen nach Sörth
Von Hause ist Binder Rechtsanwalt. Der heute 79-Jährige wurde in einer Gemeinde an der Unterelbe geboren, ist verheiratet und hat drei Kinder. Seit 2008 lebt er in Sörth, 2013 gab er seine Anwaltszulassung zurück. Stationen in einem ereignisreichen Leben: Er war kaufmännischer Leiter eines Bauunternehmens in Düsseldorf, Generalsekretär der Kinderhilfsorganisation Terre des Hommes, sehr guter Bekannter von Künstler Joseph Beuys und Mitbegründer der Grünen als Partei 1980 in Karlsruhe. Neben seiner juristischen Tätigkeit organisierte er teils gemeinsam mit seiner Frau 24 Jahre lang die Ausstellung "Das Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne", die in ganz Europa große Erfolge feierte und die regelmäßig zwischen 40.000 und 50.000 Zuschauer anzog. "Für jeden Standort konnten wir minimum 36.000 Besucher garantieren", erinnert sich Binder. Schließlich des nördlichen Ruhrgebiets überdrüssig geworden, hofft er vor über zehn Jahren auf ein Leben auf dem Land. Die "Fluchtkreise" (und damit die Radien), die er um seinen damaligen Wohnort Essen zieht, um dem "Pott" den Rücken zu kehren, werden immer größer, bis er schließlich in südlicher Richtung in der kleinen Gemeinde in der Nähe Altenkirchens auf ein in einer Anzeige angepriesenes 200 Jahre altes Fachwerkhaus stößt und es bei der ersten Inaugenscheinnahme im Handumdrehen kauft - getreu dem Motto: "Es war Liebe auf den ersten Blick." Inzwischen hat er sich neben "w40.global" der Imkerei mit vier Bienenvölkern als Hobby verschrieben und kommt trotz Baustellen in Haus und Hof immer wieder zu dem Fazit: "Ich habe es nie bereut, in den Westerwald gezogen zu sein." (hak)


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