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Nachricht vom 21.01.2021    

Levin Gerhardt: Fürs Studium und den Fußball ab über den großen Teich

Von solch einem Schritt träumen gewiss viele (Nachwuchs)Fußballer: ab ins Ausland und auf diese Weise vielleicht einen weiteren Schritt auf der Karriereleiter nehmen. Für Levin Gerhardt ist ein solcher Wunsch in Erfüllung gegangen. Dank eines Stipendiums kickt der 19-Jährige in den kommenden Monaten für eine Universitätsmannschaft in den USA.

Abschied von der heimischen Fußballszene: Levin Gerhardt (Mitte) erhält ein Trikot mit der Rückennummer 7 und verbunden mit der Hoffnung, dass der 19-Jährige nach seinem USA-Aufenthalt wieder für die SG Neitersen/Altenkirchen spielen möge. (Foto: privat)

Altenkirchen. Die eine oder andere Träne wird an diesem Morgen verdrückt. Aus einer gehörigen Portion Abschiedsschmerz macht Torsten Gerhardt kein Hehl, wenn die Sprache auf diesen emotionalen Moment am Flughafen gelenkt wird, ehe der Trip im Jet gen Westen beginnt. Die "Trennung" von Sohn Levin fällt ihm und seiner Frau Kerstin schwer, wissen sie doch, dass sie ihren Filius in den kommenden Monaten lediglich via Skype, WhatsApp & Co. sehen und hören können. Mal gerade in den Arm nehmen, das geht vorübergehend eben nicht. Im rund 6800 Kilometer (Luftlinie) entfernten Raleigh (US-Bundesstaat North Carolina) hat der 19-Jährige aus Fluterschen seinen neuen Wohnsitz, genauer gesagt an der privaten Shaw University, an der er ein zehnmonatiges Stipendium, das zwei Semester beinhaltet, erhalten hat. Das Gute: Neben seinem BWL-Studium kann er seinem Hobby, dem Fußball (im amerikanischen Soccer genannt), nachgehen. Und unter diesem Aspekt bringt der Mittelfeldspieler eine gehörige Portion Talent ein, wie seine Auftritte für die SG Neitersen/Altenkirchen in der Rheinlandliga schon hinlänglich bewiesen haben. Als Ballverteiler à la Toni Kroos, einen ballsicheren "Sechser" in der taktischen Aufstellung, charakterisiert ihn sein Vater Torsten, der als Übungsleiter und A-Lizenz-Inhaber die erste Mannschaft der Spielgemeinschaft coacht.

Abflug verzögert sich
"Ich freue mich riesig auf diese Erfahrung und die neue Aufgabe. Die Entscheidung, die Mannschaft zu verlassen, war natürlich nicht einfach", zeigt Levin den Willen, das Beste aus der Stippvisite zumachen, und bekräftigt: "Aber trotz der aktuellen Umstände denke ich, dass es für mich der richtige Schritt ist." Apropos Umstände: So ganz nach Plan indes beginnt das Abenteuer nämlich nicht. Das erste Semester muss er online bewältigen, der Flug über den großen Teich, für Sommer des vergangenen Jahres geplant, kommt dank Corona nicht zustande. Die Zwangspause lässt den 1,90 Meter großen Regisseur, der im vergangenen Jahr sein Abitur an der IGS Hamm abgelegt hat, kalt und nimmt ihm nicht die Freude auf den Tapetenwechsel. Die Einstellung zur Luftveränderung bleibt unverändert. Levin steht voll und ganz hinter seinem Entschluss und wird den Willen aufbringen, den neuen Lebensabschnitt mit Bravour zu meistern. Das hofft auch Vater Torsten, weil er weiß, dass sein Sohn "sehr zielstrebig ist und das durchstehen wird".

Neue Heimat ist der Campus
Inzwischen liegen die ersten Tage in der neuen Welt hinter Levin. Er lebt in einem Zwei-Bett-Zimmer auf dem Campus, hat erste Kontakte mit künftigen Mitspielern geknüpft, die aus aller Herren Länder für die beiden Mannschaften der Universität spielen möchten. Seine ersten Eindrücke teilt er nach einem lockeren Gekicke seinem "alten" Übungsleiter mit und spricht von "einigen starken Spielern". Nur fünf aus dem gesamten Kader von 40 Akteuren verfügen wie Levin über ein Stipendium, das die Kosten von rund 24.000 US-Dollar doch ganz erheblich drücken hilft. So bleibt für die Eltern unter dem Strich eine Belastung, als wenn Levin eine Hochschule in Deutschland besuchen würde. Auf was er sich eingelassen hat: Fünfmal pro Woche wird morgens zwischen 6 und 8 Uhr trainiert, ehe die verschiedenen Unterrichtsthemen bearbeitet werden müssen. Einem "lockeren" Leben schiebt der Gastgeber schon mal per se den Riegel vor. Eine Spielberechtigung ist geknüpft an den Lernerfolg. So einfach ist das.



Ersatz finden fürs SG-Mittelfeld
Für Torsten Gerhardt bleibt nunmehr eine Aufgabe, über deren Lösung er sich in den zurückliegenden Wochen der spielfreien Zeit schon Gedanken machen konnte. Wie ersetze ich meinen Sohn im Team der SG? Bis dieser Aspekt final für die noch ausstehenden Partien der begonnenen Saison 2020/2021 geklärt ist, bleibt wahrscheinlich genügend Zeit, wenn die Punkterunde überhaupt fortgesetzt wird. Welche Position Levin im Division-II-Team der Universität spielen wird, ist offen. "Die Punkterunde beginnt erst nach dem Sommer, wie es für den College-Sport üblich ist. Bis dahin wird eben trainiert", weiß Torsten Gerhardt, der seinem Spross, einem "Instinktfußballer", gute Chancen auf einen Stammplatz einräumt.

Längere Zeit der Vorbereitung
Rund zwei Jahre sind die Gerhardts involviert, um Levin einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen. Ein erster Versuch scheitert, weil die Agentur, die als Vermittler auftritt, eher windiger Natur ist. Mit der zweiten läuft es besser. Per Bewerbungsvideo werden Kontakte geknüpft, bis schließlich eine Universität in Florida die Fühler nach Levin ausstreckt. Von jetzt auf gleich werden aber die Mittel für den Soccer-Bereich gekürzt, so dass eine Um-Orientierung erforderlich und die Shaw University in Raleigh, der Hauptstadt des Bundesstaates North Carolina, das finale Ziel wird. Dass es vor dem Abflug hin und wieder ein wenig Magengrummeln bei den Gerhardts ob der Vorfälle im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt, macht Torsten Gerhardt deutlich. Nicht nur die Ausbreitung des Corona-Virus, auch die rassistisch und politisch bedingten Ereignisse hätten zeitweise die Gedanken bestimmt.

Ein kurzer Abstecher nach Hennef
Von Hause ist Levin, sportlich betrachtet, eigentlich ziemlich bodenständig. Die meiste Zeit seiner Karriere spielt er für die Jugendmannschaften der JSG Neitersen. In seiner Biografie steht lediglich ein Abstecher zum FC Hennef. Schon als A-Jugendlicher wird er in den Kader des Rheinlandligisten aufgenommen. Die Trennung auf Zeit ist indes kein Anlass für den Klub aus dem Wiedtal, mit Levin zu brechen. "Wir wünschen dir viel Erfolg und alles Gute bei deiner neuen Aufgabe. Wir sind jetzt schon stolz auf dich, was du erreichst hast und freuen uns, dich hoffentlich bald wieder bei uns begrüßen zu dürfen", lautet der Tenor bei der Verabschiedung durch den Vorstand. Als handfestes Zeichen gibt es ein Trikot mit der Rückennummer 7, das gewiss zu Levins Gepäck gehört und das wahrscheinlich die Heimreise mitmacht. Wenn Levin dann wieder deutschen Boden betritt, fließen mit Sicherheit wieder Tränen - diesmal aber aus purer Freude. (vh)


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