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Nachricht vom 21.02.2021    

Buchtipp: „Der Rede wert“ von Peter Krawietz

Von Helmi Tischler-Venter

Der Untertitel "In offizieller Mission ohne Floskeln und Formelhaftes" trifft zu. Der Lehrer, Historiker und Kulturdezernent der Landeshauptstadt Mainz beweist in vielen Reden aus vier Jahrzehnten, dass er mit Humor und Menschenkenntnis treffend und kurzweilig zuordnen kann.

Buchtitel. Foto: Verlag

Dierdorf/Oppenheim. „Eine gute Rede ist wie ein schöner Spazierweg: Sie holt ihre Zuhörer ab, da wo sie sind, um möglichst bald altgewohnte Gedankengänge zu verlassen und Neues zu entdecken.“

So spaziert Krawietz rhetorisch durch seine Stadt, zu unzähligen Jubiläen, zu seinem eigenen Abschied als Dezernent im Jahr 2010 oder zur Verabschiedung von Götz Scholz aus der Unimedizin. In allen Reden hierzu outet sich der Redner als Genießer mit einem Zitat des Schweizers Fridolin Tschudi: „Mit Verstand ein Weinlein schlürfen, froh sein, dass wir leben dürfen, eine hübsche Jungfer küssen, nie sich sklavisch ducken müssen, Freundschaft mit den Freunden pflegen, möglichst sich normal bewegen, keinem die Erfolge neiden, dankbar werden und bescheiden, aber mit sich selbst im Klaren, dennoch seinen Stolz bewahren, die Talente frei entfalten, kritisch sich und wach verhalten, gegen die Vergreisung kämpfen…“ Die noch längere Aufzählung macht klar, dass hier einer den Ruhestand genauso wie die Arbeit schätzt.

Kultur ist für den Dezernenten mehr als die klassischen Elemente Literatur, Theater, Musik, Tanz und bildende Kunst. Auch Essen und Trinken sind tragende Säulen einer kultivierten und humanen Welt. Solch ein Genießer passt hervorragend in die Stadt und ihre französische Partnerregion. Krawietz legt den Finger in die pekuniäre Wunde der Stadt, indem er öffentlich anprangert: “Wenn die Politik sparen muss, dann beginnt sie bei der Kulturpolitik!“ Die Überschrift „Kulturpolitik mit leerem Beutel“ ist doppeldeutig, weil der Oberbürgermeister von 1997 bis 2011 Jens Beutel hieß.

Um bei der Eröffnung der Kammerspiele im Fort Malakoff das Auditorium nicht mit einer weiteren Rede zu langweilen, fasste Krawietz seine Gratulation in ein Gedicht. Viel Raum nehmen die Reden zum größten Mainzer, Johannes Gutenberg, Mann des Milleniums und den mit ihm verbundenen Institutionen ein. Auch römische Relikte, von der Mainzer Gesellschaft freudig begrüßt, prägen die Mainzer Kultur- und Bildungsszene. Als Bildungsdezernent oblagen Krawietz auch Reden zum Abitur, Schulleiter-Verabschiedung, Schul-Jubiläen und Ausstellungseröffnungen, die er allesamt kenntnisreich und kurzweilig gestaltete.

Das Amt des Mainzer Stadtschreibers wurde 1985 eingeführt. Im Gutenberg-Jubiläumsjahr 2000 wurde der Westerwälder Hanns-Josef Ortheil von einer Jury dazu erwählt. Der Bücherfreund Krawietz bekennt, dass er keine Angst vor dem E-Book habe, sondern eine Koexistenz traditioneller Bücher und digitaler Ausgaben erwarte. Neben Gutenberg und Anna Seghers ist Carl Zuckmayer ein bedeutender Sohn der Stadt. Krawietz korrigiert das verbreitete Bild Zuckmayers als lustiger Heimatdichter. Anlässlich Jan Böhmermanns Schmähgedichts im Jahr 2016 befasste sich Krawietz sehr differenziert mit der Frage „Satire darf alles?“

Kunst und Musik stellten nie versiegende Quellen für Rede-Anlässe dar. Sei es die Eröffnung der Kunsthalle, die Kunstwerkstatt der Volkshochschule oder der Neubau des Peter-Cornelius-Konservatoriums. Mit der Geschichte leben bedeutet nicht nur Römer und Gutenberg lieben, sondern auch Konzentrationslager, Kriege und Verbrechen nie vergessen. Und populäre Schwerverbrecher wie den in Mainz hingerichteten Schinderhannes nicht zu glorifizieren.

Mit Reden, die leicht zum Fettnäpfchen werden können, wie zum Nationalfeiertag, zum Volkstrauertag, zum Städte-Vergleich Mainz/Wiesbaden oder ganz aktuell zum Corona-Virus beweist der Autor seine Kompetenz.

Das Amt des Kulturdezernenten besteht auch im Kontakt zu Kirchen und Religionsgemeinschaften. So war der bekennende Katholik Krawietz beim Mainzer Katholikentag 1998 genauso in seinem Element wie bei Diözesanversammlungen.

Ehrungen und Preisverleihungen machten Reden erforderlich. Eine Laudatio auf die Zeitzeugin Prinzessin Helga zu Löwenstein, Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Rabbiner Leo Trepp, Hildegard-von-Bingen-Preis für Johannes Gross, Sandra Maischberger und Harald Schmidt sowie der Mainzer Medienpreis für den Gonsenheimer Kabarettisten und Karnevalisten Herbert Bonewitz sind Beispiele.

Selbstredend ist der humorvoll-kritische Peter Krawietz auch Fasenachter. Der in Bingen geborene Redner ist mit den Ursprüngen der Fastnacht in Rheinhessen sehr vertraut. Hilfreich ist seine Affinität zu „Weck, Worscht un Woi“ und der Schmunzelblick auf die Menschen in der Umgebung und das Leben an sich.

Erschienen ist das 232-seitige gebundene Buch mit 18 Abbildungen im Nünnerich-Asmus Verlag & Media, ISBN 978-3-96176-144-9. htv

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